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Klopfelektronik im Zeiss-Gerät

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Klopfelektronik auf dem Leipziger Messestand des Kombinates VEB Carl Zeiss JENA

Ich war in den 1980 Jahren mehrere Jahre regelmäßig zur Leipziger Frühjahrs- und Herbstmesse auf dem Messestand von Zeiss Jena tätig, weil ich das Messestandspersonal für ihre Arbeit trainierte. Deshalb war der obligatorische Rundgang des Generaldirektor des Kombinates, Wolfgang Biermann, zur Abnahme des Messestandes (und später sogar des ganzen Zeiss-Messepavilions) kurz vor Öffnung der Messetore ein wichtiger Höhepunkt auch für für mich. Jetzt zeigten die Mitarbeiter – wie in einer Prüfung – was sie (auch bei mir) gelernt hatten. Ich verfolgte deshalb den Prüfungs-Rundgang des GD jedes mal mit Anspannung. In einer dieser Frühjahrsmessen in Leipzig wurde ein völlig neuartiges Analysemessgerät aus Jena der Welt präsentiert. Im Gerät wurde auch ein elektronischer Bauteil zur Steuerung eingebaut, das aus dem Westen stammte, aber auf der sogenannten COCOM-Liste der westlichen Länder stand. Das war seit 1951 die Embargoliste des Coordinating Committee for East-West Trade Policy, die die Ausfuhr bestimmter Computer, Maschinen usw. in die sozialistischen Staaten („Sperrländer“) verbot, „die militärischen Zwecken oder Produktionen dienen könnten“.

Während der Präsentation dieses Gerätes durch den betreffenden Zeiss-Mitarbeiter vor dem Generaldirektor und einer Gruppe weiterer Führungskräfte trat der sogenannte „Vorführeffekt“ auf: Das Gerät funktionierte nicht, zeigte nichts an. Der Mitarbeiter wurde nervös, aber der „Alte“ klopfte kurzerhand mit der Faust auf das Gerät und es funktionierte wieder. Der Mitarbeiter darauf spontan: „Genosse Generaldirektor, das ist doch keine Klopfelektronik!“.  Widerspruch duldete dieser nicht. Das Gerät funktionierte. Das war entscheidend!

Reflexionen:

Die DDR war fast überall auf sich allein gestellt oder wurde gezielt vom Westen (sowie  auch von der Sowjetunion) an ihrer Entwicklung gehindert. Zu Wirtschaftskrieg zwischen den Gesellschaftssystemen gehörten Embargomaßnahmen (u.a. COCOM-Liste) der westlichen Länder.

„Die ostdeutsche Halbleiterbranche hinkte damals … dem internationalen Technologieniveau um sechs bis acht Jahre hinterher. Dies hatte wiederum starke Auswirkungen auf die Exporterlöse von Werkzeugmaschinen, Schreibmaschinen, Spiegelreflex-Kameras und anderen Gütern, die die DDR bis dahin mit einem gewissen Erfolg international verkaufen konnte. Ohne moderne Mikroelektronik darinnen ließen sich diese Exportgüter nur noch schwer beziehungsweise nur noch zu sehr niedrigen Preisen verkaufen. Durch den Rückstand des gesamten Ostblocks und das Technologie-Embargo des Westens kam die DDR aber an die neusten Chips nicht heran.“ (Mitentwickler des DDR-Megabitchips, Prof. Bernd Junghans)

Für die Entwicklung der DDR-Wirtschaft wurde es nötig, die Technik der Mikroelektronik selbst voranzubringen. Man begann ein planmäßiges milliardenteures Mikroelektronik-Programm zur Chip-Aufhol (vor allem damals gegenüber Japan, Taiwan) in der DDR.  Um Zeit für Forschung und Entwicklung zu gewinnen, wurden dafür wichtige Konstruktionen, Muster und Anlagen aus dem Westen (u.a. von Siemens) auf geheime Weise besorgt. Dafür wurde der spezielle DDR-Geheimdienst des Bereichs „Kommerzielle Koordinierung“ unter Leitung von Schalk-Golodkowski aktiv.

Die Milliarden an DDR-Mark und D-Mark wurden nicht dafür ausgegeben, damit SED-Chef Erich Honecker schließlich einen prestigeträchtigen Megabit-Chip in die Hand bekam.

Der Megabit-Chip war ein Prüfstein für die Leistungsfähigkeit der DDR-Wirtschaft

„Der Megabit-Chip war nicht das Ziel, sondern ein Prüfstein. Er war eine Messlatte dafür, wie sehr wir uns dem damaligen Marktführer Toshiba angenähert hatten. Vielleicht mag man das als eine Lehre aus dem DDR-Mikroelektronik-Programm sehen: Solch ein Rückstand ist aufholbar!“ (Junghanns)

Ich war persönlich auch in Moskau dabei, als Wolfgang Biermann (Generaldirektor Zeiss) und Erich Honecker (Generalsekretär SED) Michael Gorbatschow (Generalsekretär KPdSU) am 28.9.1988 auf der letzten großen Leistungsschau der DDR  den ersten funktionierenden MegaBit-Speicher aus der DDR-Industrie präsentierten. Die sozialistische DDR bewies damit, wozu sie in der Lage war.

ADN-ZB / Schindler / 30.9.88 / UdSSR / Honecker-Besuch in Moskau
Der Generalsekretör des ZK der SED und Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Erich Honecker, und der Generalsekretär des ZK der KPdSU, Michail Gorbatschow (Bildmitte), besuchten am 28.9.88 gemeinsam die gegenwärtig in Moskau stattfindende Exposition der DDR. Am Stand des Kombinates Carl Zeiss Jena erläuterte dessen Generaldirektor Prof. Dr. Wolfgang Biermann (l.) den ausgestellten 1-Megabit-Speicherschaltkreis.

Das war eine der größten Leistungen der Wissenschaftler, Ingenieure, Techniker und Ökonomen der DDR, die diese technologische Herausforderung der 1980er Jahre meisterten. Damit kam die DDR sehr weit voran. Allerdings hatten Gorbatschow und seine globalen Hintermänner andere Pläne mit der DDR. Ein Jahr später wurde das Ende der DDR eingeleitet

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