Sehrwahrscheinlich war die DDR-Geschichte anders als in de BRD erzählt

Christoph Hein erzählt, was DDR-Historiker aus der BRDF übersehen sollen

Sebastian Brants „Narrenschyff“ von 1494

Alles, was wir über die DDR wissen, könnte man in Anlehnung an ein berühmtes Bonmot von Niklas Luhmann sagen, „wissen wir durch die Massenmedien“.

„Alles, was wir über die DDR wissen, wissen wir aus Filmen. Fernsehen, Kino und Streamingplattformen bestimmen die öffentliche Erinnerung – auch in Museen, Universitäten oder Schulen und selbst im ganz Privaten und sogar bei denen, die dabei gewesen sind und so berufen sein sollten, der Gesellschaft zu erzählen, wie es früher war.“ (Das Projekt „Die DDR im Film“ blickt in das kollektive Gedächtnis)

Christoph Hein war schon in der DDR-Zeit ein systemkritischer Intellektueller,weil man sicher sein konnte, dass dort Klartext gesprochen wird. Am bekanntesten ist wahrscheinlich seine Anti-Zensur-Rede auf dem Schriftstellerkongress von 1987.“(Michael Meyen) Er ist ein «Poetischer Chronist der DDR

Christoph Hain hat  in seiner Anti-Zensur-Rede auf dem Schriftstellerkongress der DDR von 1987 zu seinen Kollegen, zu den Schriftstellern, gesagt, liebe Leute, seid nicht sauer über die Pressezensur, weil diese Zensur uns, die Schriftsteller, in eine ganz andere Position bringt. Der DDR-Mensch müsste mit den Zeitungen jeden Tag nur ein paar Minuten verbringen und dann endlich könne er zu den Romanen greifen, um Neues und Wahres zu erfahren. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass er seinen neuen  Wälzer „Das Narrenschiff“, 750 Seiten,  jetzt in dieser Zeit heute in der BRD geschrieben hat, mit ein bisschen über 1980.

Der Staat flutet den öffentlichen Raum mit Botschaften, die die Stimmung, die das Meinungsklima in seinem Sinne beeinflussen sollen und unterdrückt, delegitimiert, verhindert, gegenstimmt. Also haben wir das Zusammenspiel von Propaganda und Zensur. Beim Thema DDR ist das vielleicht auch schon vorher ganz offensichtlich gewesen.

Michael Meyen zur DDR-Geschichte:

Beim Thema DDR ist Geschichte von der Politik geschrieben worden. Nicht von Historikern, wie man meist annimmt, sondern von der Politik. Am bekanntesten sind wahrscheinlich die beiden Enquete-Kommissionen, die der Bundestag in den 90er Jahren eingesetzt hat.
So eine Enquete-Kommission gibt es nicht so häufig, zwei, dreimal pro Wahlperiode. In den 90ern zwei Enquete-Kommissionen zum Thema DDR, beide mit dem Titel SED-Diktatur. Also bei beiden steht SED-Diktatur im Titel, bei beiden ist das Ergebnis vorgegeben.
Mit sehr viel Geld hat man Historiker, Zeitzeugen herangefahren, um dieses Bild von der Diktatur festzuschreiben. Hat das dann weiter unterfüttert mit Steuergeld. Die GAUK-Behörde, also die Stasi-Unterlagenbehörde, hatte in ihrer Spitzenzeit 3000 hauptamtliche Mitarbeiter und einen Etat, der sich vergleichen lässt mit dem einer mittleren deutschen Universität.
Da haben wir also sehr viel Personal, das auf eine bestimmte Weise Geschichte geschrieben hat. Wir haben eine Stiftung Aufarbeitung, die es immer noch gibt. Wir hatten an der Freien Universität Berlin einen Forschungsverbund SED-Staat.
Ich könnte da jetzt weitermachen. Diese hier mit sehr viel politischem Geld ist ein ganz bestimmtes DDR-Bild im kollektiven Gedächtnis festgeschrieben worden. Dieses Bild lässt sich auf wenige Schlagworte verdichten: Diktatur, hatte ich schon erwähnt. Mauer, Stasi, Totalüberwachung, Mangelwirtschaft wahrscheinlich noch. Es ist nicht so, dass dieses Bild nicht mit den Erinnerungen von Zeitzeugen übereinstimmt.
Hain zitiert Hölderlin in einem BZ-Interview nicht direkt, aber er sagt, dass schon immer die Romanschreiber dafür zuständig gewesen seien, Geschichte zu schreiben.
Er stellt sich da in eine Reihe mit Homer, mit Tolstoi, mit Dostoevsky, sagt auch, dass die Historiker immer Opfer von politischer Einflussnahme seien, ohne dass er diese Enquete-Kommissionen erwähnt, ohne dass er die Stasi-Unterlagenbehörde oder ähnliche Einrichtungen erwähnt. Aber Geschichtsschreiber, Historiker wären immer in Diensten der Politik, während Romanschreiber offenbar freier in ihren Äußerungen sind, freier in dem sind, was sie tun und was sie dann auch veröffentlichen.

Im Buch  »Das Narrenschiff«, ein Roman von Christoph Hein, wird die DDR-Geschichte anders erzählt:

  • Die SED war lange eine große Hoffnung der Ostvertriebenen aus Pommern und Schlesien, denn sie meinte, mit den deutschen Ost-Gebieten hätte eine größere DDR die Konkurrenz mit West-Deutschland besser gemeistert.
  • der Mauerbau 1961 war eine Idee der Amerikaner und US-Präsident Kennedy habe folglich geheuchelt, als er sich zum „Berliner“ erklärte
  • Erich Honecker habe seinen Vorgänger Walter Ulbricht mit Gewalt zum Rücktritt gezwungen hat.

Der Schriftsteller Christoph Hein, Jahrgang 1944,klagte darübe, dass Florian Henckel von Donnersmarck seinen Lebensbericht angehörte und daraus dann doch etwas ganz anderes gemacht hat. Wir können mit Hein fragen, was der Oscar-Gewinner Das Leben der Anderen (2006) mit der DDR zu tun hat. Geschichte wirderfinden, oder: Die Sieger schreiben die Geschichte.

Das Narrenschiff: Roman | Eine epische Erzählung der DDR und ihrer Bürgerinnen und Bürger – von der Staatsgründung bis zum Mauerfall

Buchbeschreibung:

In seinem fulminanten Gesellschaftsroman lässt Christoph Hein Frauen und Männer aufeinandertreffen, denen bei der Gründung der DDR unterschiedlichste Rollen zuteilwerden. Er begleitet sie durch die dramatischen Entwicklungen eines Staates, der als das bessere Deutschland gelten wollte und nach 40 Jahren nahezu spurlos verschwand.

Sind die Menschen, die dort einmal lebten, dem Vergessen anheimgefallen und ihre Träume nur ein kurzer Hauch im epochalen Wind der Zeitläufte? Christoph Hein lässt sie zu Wort kommen: überzeugte Kommunisten, ehemalige Nazis, verstrickte Funktionäre, kritische Intellektuelle, Schuhverkäufer, Kellner, Fabrikarbeiter, Hausmeister, auch einen hohen Stasi-Offizier. Doch zunehmend erleben sie die neue Gesellschaft als ein Narrenschiff, dessen Kurs auf immer bedrohlichere historische Klippen zusteuert. Mit scharfem Blick und literarischer Kraft zeichnet Hein ein facettenreiches Panorama zwischen Ideologie, Anpassung und stillem Widerstand.

Auf dem Schriftstellerkongress 1987 in der DDR hielt Christoph Hein eine viel beachtete Rede, in der er die staatliche Zensur offen kritisierte. Er bezeichnete sie als überholt, nutzlos, paradox, menschen- und volksfeindlich sowie ungesetzlich und strafbar. Diese mutige Stellungnahme wurde vom DDR-Schriftstellerverband als Provokation gewertet, machte Hein jedoch zu einer wichtigen moralischen Stimme der Opposition innerhalb der DDR-Kulturszene. Der Kongress markierte einen Wendepunkt im Verhältnis zwischen regimekritischen Autoren und den Kulturfunktionären des Staates und gilt als Vorbote der politischen Umbrüche, die kurz darauf folgen sollten.

 

Christoph Hein spricht mit Steffen Mau & Jonathan Landgrebe über »Das Narrenschiff«

Hein spricht bei der Berliner Großdemonstration am 4. November 1989

Es spricht Christoph Hein. Liebe mündig gewordene Mitbürger, es gibt für uns alle sehr viel zu tun, und wir haben wenig Zeit für diese Arbeit. Die Strukturen dieser Gesellschaft müssen verändert werden, wenn sie demokratisch und sozialistisch werden soll, und dazu gibt es keine Alternative.

Es ist auch von den schmutzigen Händen, von den schmutzigen Westen zu sprechen. Verfilzung, Korruption, Amtsmissbrauch, Diebstahl von Volkseigentum das muss aufgeklärt werden, und diese Aufklärung muss auch bei den Spitzen des Staates erfolgen. Sie muss dort beginnen.
Hüten wir uns davor, die Euphorie dieser Tage mit den noch zu leistenden Veränderungen zu verwechseln. Die Begeisterung und die Demonstrationen waren und sind hilfreich und erforderlich, aber sie ersetzen nicht die Arbeit. Lassen wir uns nicht von unserer eigenen Begeisterung täuschen.
Wir haben es noch nicht geschafft. Die Kuh ist noch nicht vom Eis. Es gibt noch genügend Kräfte, die keine Veränderungen wünschen, die eine neue Gesellschaft fürchten und auch zu fürchten haben.
Ich möchte uns alle an einen alten Mann erinnern, an einen alten und wahrscheinlich jetzt sehr einsamen Mann. Ich spreche von Erich Honecker. Dieser Mann hatte einen Traum, und er war bereit, für diesen Traum ins Zuchthaus zu gehen.
Dann bekam er die Chance, seinen Traum zu verwirklichen. Es war keine gute Chance, denn der besiegte Faschismus und der übermächtige Stalinismus waren dabei die Geburtshelfer. Es entstand eine Gesellschaft, die wenig mit Sozialismus zu tun hatte.
Von Bürokratie, Demagogie, Bespitzelung, Machtmissbrauch, Entmündigung und auch Verbrechen war und ist diese Gesellschaft gezeichnet. Es entstand eine Struktur, der sich viele gute, kluge und ehrliche Menschen unterordnen mussten, wenn sie nicht das Land verlassen wollten. Keiner mehr konnte erkennen, wie gegen diese Struktur vorzugehen sei, wie sie aufzubrechen ist.
Ich glaube, auch für diesen alten Mann ist unsere Gesellschaft keinesfalls die Erfüllung seiner Träume. Selbst er, an der Spitze dieses Staates stehend und für ihn, für seine Erfolge, aber auch für seine Fehler, Versäumnisse und Verbrechen besonders verantwortlich, selbst er war den verkrusteten Strukturen gegenüber fast ohnmächtig. Ich erinnere an diesen alten Mann nur deshalb, um uns zu warnen, dass nicht auch wir jetzt Strukturen schaffen, denen wir eines Tages hilflos ausgeliefert sind.
Schaffen wir eine demokratische Gesellschaft auf einer gesetzlichen Grundlage, die einklagbar ist, einen Sozialismus, der dieses Wort nicht zur Karikatur macht, eine Gesellschaft, die dem Menschen angemessen ist und ihn nicht der Struktur unterordnet. Das wird für uns alle viel Arbeit geben, auch viel Kleinarbeit, schlimmer als Stricken. Und noch ein Wort.
Der Erfolg hat bekanntlich viele Väter. Offenbar glauben viele, die Veränderungen in der DDR sind schon erfolgreich, denn es melden sich jetzt viele Väter dieses Erfolgs. Merkwürdige Väter, bis hoch in die Spitze des Staates.
Aber ich denke, unser Gedächtnis ist nicht so schlecht, dass wir nicht wissen, wer damit begann, die übermächtigen Strukturen aufzubrechen, wer den Schlaf der Vernunft beendete. Es war die Vernunft der Straße, die Demonstrationen des Volkes. Ohne diese Demonstrationen wäre die Regierung nicht verändert worden, könnte die Arbeit, die gerade erst beginnt, nicht erfolgen.
Und da ist an erster Stelle Leipzig zu nennen. Ich meine, der Oberbürgermeister unserer Stadt sollte im Namen der Bürger Berlins, da wir alle gerade mal hier zusammenstehen, dem Staatsrat und der Volkskammer vorschlagen, die Stadt Leipzig zur Heldenstadt der DDR zu ernennen. Wir haben uns an den langen Titel Berlin, Hauptstadt der DDR, gewöhnt.
Ich denke, es wird leichter sein, uns an ein Straßenschild Leipzig, Heldenstadt der DDR zu gewöhnen. Der Titel wird unseren Dank bekunden. Er wird uns helfen, die Reform unumkehrbar zu machen.
Er wird uns an unsere Versäumnisse und Fehler in der Vergangenheit erinnern. Und er wird die Regierung an die Vernunft der Straße mahnen, die stets wach blieb und sich, wenn es notwendig ist, wieder zu Wort meldet. Ich danke Ihnen.

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