04.11.1989 Großdemo am Alex

 04.11.1989 Großdemo am Alex

„Viele Prominente sprachen am 4.11.89 zu den Teilnehmern der Demonstration.
Nicht alle wurden gleichermaßen wohlwollend begrüßt. In den Reden ging es um die Mühsal des „aufrechten Gangs“ (Christa Wolf), um einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz (Steffie Spira) und um den Willen, die radikale Erneuerung der DDR-Gesellschaft nicht eher ruhen zu lassen, als bis Sozialismus und Demokratie zusammengingen. Wennngleich die Beifallsbekundungen sehr unterschiedlich ausfielen, waren die Reden des 4.11.89 wie ein Konzentrat jenes vielfältigen und bunten Forderungskataloges, der von Hunderttausenden durch die Straßen Ostberlins getragen wurde.“

11.25 Uhr Marion van de Kamp 13.12 Uhr Christa Wolf
11.26 Uhr Johanna Schall 13.21 Uhr Tobias Langhoff
11.30 Uhr Ulrich Mühe 13.24 Uhr Annekathrin Bürger
11.36 Uhr Jan Josef Liefers 13.28 Uhr Joachim Tschirner
11.42 Uhr Gregor Gysi 13.33 Uhr Klaus Baschleben
11.55 Uhr Marianne Birthler 13.43 Uhr Heiner Müller
12.06 Uhr Kurt Demmler 13.48 Uhr Lothar Bisky
12.10 Uhr Markus Wolf 13.55 Uhr Roland Freitag
12.24 Uhr Jens Reich 13.57 Uhr Christoph Hein
12.36 Uhr Manfred Gerlach 14.05 Uhr Robert Juhoras
12.44 Uhr Ekkehard Schall 14.10 Uhr Konrad Elmer
12.48 Uhr Günter Schabowski 14.14 Uhr Steffie Spira
12.54 Uhr Stefan Heym
13.02 Uhr Friedrich Schorlemmer Moderator Henning Schaller

https://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/4november1989/htmrede.html

Christa Wolf

Schriftstellerin

Verblüfft beobachten wir die Wendigen…

Jede revolutionäre Bewegung befreit auch die Sprache. Was bisher so schwer auszusprechen war, geht uns auf einmal frei über die Lippen� Wir staunen, was wir offenbar schon lange gedacht haben und was wir uns jetzt laut zu rufen: Demokratie jetzt oder nie! Und wir meinen Volksherrschaft, und wir erinnern uns der steckengebliebenen oder blutig niedergeschlagenen Ansätze in unserer Geschichte und wollen die Chance,die in dieser Krise steckt, da sie alle unsere produktiven Kräfte weckt, nicht wieder verschlafen; aber wir wollen sie auch nicht vertun durch Unbesonnenheit oder die Umkehrung von Feindbildern.
Mit dem Wort�Wende� habe ich meine Schwierigkeiten. Ich sehe da ein Segelboot, der Kapitän ruft: „Klar zur Wende!“,� weil der Wind sich gedreht hat und die Mannschaft duckt sich, wenn der Segelbaum über das Boot fegt. Stimmt dieses Bild? Stimmt es noch in dieser täglich vorwärtstreibenden Lage. Ich würde von revolutionärer Erneuerung�sprechen. Revolutionen gehen von unten aus. „Unten“ und „oben“ wechseln ihre Plätze in dem Wertesystem und dieser Wechsel stellt die sozialistische Gesellschaft vom Kopf auf die Füße. Große soziale Bewegungen kommen in Gang.

Soviel wie in diesen Wochen ist in unserem Land noch nie geredet worden, miteinander geredet worden,noch nie mit dieser Leidenschaft, mit soviel viel Zorn und Trauer und mit soviel Hoffnung� Wir wollen jeden Tag nutzen, wir schlafen nicht oder wenig, wir befreunden uns mit neuen Menschen,und wir zerstreiten uns schmerzhaft mit anderen� Das nennt sich nun �“Dialog“�,wir haben ihn gefordert, nun können wir das Wort fast nicht mehr hören und haben doch noch nicht wirklich gelernt, was es ausdrücken will. Mißtrauisch starren wir auf manche plötzlich ausgestreckte Hand, in manches vorher so Starre Gesicht: „Mißtrauen ist gut, Kontrolle noch besser“ – wir drehen alte Losungen um, die uns gedrückt und verletzt haben und geben sie postwendend zurück. Wir fürchten, benutzt zu werden. Und wir fürchten, ein ehrlich gemeintes Angebot auszuschlagen. In diesem Zwiespalt befindet sich nun das ganze Land. Wir wissen, wir müssen die Kunst üben, den Zwiespalt nicht in Konfrontation ausarten zu lassen: Diese Wochen, diese Möglichkeiten werden uns nur einmal gegeben – durch uns selbst. Verblüfft beobachten wir die Wendigen, im Volksmund „Wendehälse� genannt, die, laut Lexikon, sich „rasch und leicht einer gegebenen Situation anpassen, sich in ihr geschickt bewegen, sie zu nutzen verstehen“. Sie am meisten blockieren die Glaubwürdigkeit der neuen Politik. Soweit sind wir wohl noch nicht, daß wir sie mit Humor nehmen können – was uns doch in anderen Fällen schon gelingt. „Trittbrettfahrer – zurücktreten!“ lese ich auf Transparenten. Und, an die Polizei gerichtet, von Demonstranten der Ruf: „Zieht euch um und schließt euch an!“ – ein großzügiges Angebot.

Ökonomisch denken wir auch: „Rechtssicherheit spart Staatssicherheit!“ Und wir sind sogar zu existentiellen Verzichten bereit: „Bürger,stell die Glotze ab, setz dich jetzt mit uns in Trab!“� Ja: Die Sprache springt aus dem Ämter- und Zeitungsdeutsch heraus,in das sie eingewickelt war, und erinnert sich ihrer Gefühlswörter. Eines davon ist �“Traum“. Also träumen wir mit hellwacher Vernunft Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg! Sehen aber die Bilder der immer noch Weggehenden, fragen uns: Was tun? Und hören als Echo die Antwort: Was tun! Das fängt jetzt an, wenn aus den Forderungen Rechte, also Pflichten werden:Untersuchungskommission, Verfassungsgericht. Verwaltungsreform. Viel zu tun, und alles neben der Arbeit. Und dazu noch Zeitung, essen! Zu Huldigungsvorbeizügen, verordneten Manifestationen werden wir keine Zeit mehr haben, Dieses ist eine Demo, genehmigt, gewaltlos. Wenn sie so bleibt, bis zum Schluß, wissen wir wieder mehr über das, was wir können, und darauf bestehen wir dann: Vorschlag für den Ersten Mai: Die Führung zieht am Volk vorbei. Unglaubliche Wandlungen. Das �“Staatsvolk der DDR“� geht auf die Straße, um sich als „Volk“ zu erkennen. Und dies ist für mich der wichtigste Satz dieser letzten Wochen – der tausendfache Ruf: Wir – sind – das – Volk!
Eine schlichte Feststellung. Die wollen wir nicht vergessen.

Christoph Hein

Schriftsteller

Liebe mündig gewordene Mitbürger. Es gibt für uns alle sehr viel zu tun, und wir haben wenig Zeit für diese Arbeit. Die Strukturen dieser Gesellschaft müssen verändert werden, wenn sie demokratisch und sozialistisch werden sollen. Und dazu gibt es keine Alternative. Es ist a
uch von den schmutzigen Händen, von den schmutzigen Westen zu sprechen. Verfilzung, Korruption, Amtsmißbrauch, Diebstahl von Volkseigentum, das muß aufgeklärt werden, und diese Aufklärung muß auch bei den Spitzen des Staates erfolgen. Sie muß dort beginnen.

Hüten wir uns davor, die Euphorie dieser Tage mit den noch zu leistenden Veränderungen zu verwechseln. Die Begeisterung und die Demonstrationen waren und sind hilfreich und erforderlich, aber sie ersetzen nicht die Arbeit.

Lassen wir uns nicht von unserer eigenen Begeisterung täuschen! Wir haben es noch nicht geschafft. Die Kuh ist noch nicht vom Mist. Und es gibt noch genügend Kräfte, die keine Veränderungen wünschen, die eine neue Gesellschaft fürchten und auch zu fürchten haben.

Ich möchte uns alle an einen alten Mann erinnern, an einen alten und wahrscheinlich jetzt sehr einsamen Mann. Ich spreche von Erich Honecker. Dieser Mann hatte einen Traum, und er war bereit, für diesen Traum ins Zuchthaus zu gehen. Dann bekam er die Chance, den Traum zu verwirklichen. Es war keine gute Chance, denn der besiegte Faschismus und der übermächtige Stalinismus waren dabei Geburtshelfer. Es entstand eine Gesellschaft, die wenig mit Sozialismus zu tun hatte. Von Bürokratie, Demagogie, Bespitzelung, Machtmißbrauch, Entmündigung und auch Verbrechen war und ist diese Gesellschaft gezeichnet.

Es entstand eine Struktur, der sich viele gute, kluge und ehrliche Menschen unterordnen mußten, wenn sie nicht das Land verlassen wollten. Und keiner mehr konnte erkennen, wie gegen diese Struktur vorzugehen sei, wie sie aufzubrechen ist.

Und ich glaube, auch für diesen alten Mann ist unsere Gesellschaft keinesfalls die Erfüllung seiner Träume. Selbst er, an der Spitze dieses Staates stehend und für ihn, für seine Erfolge, aber auch für seine Fehler, Versäumnisse und Verbrechen besonders verantwortlich, selbst er war den verkrusteten Strukturen gegenüber fast ohnmächtig.

Ich erinnere an diesen alten Mann nur deshalb, um uns zu warnen, daß nicht auch wir jetzt Strukturen schaffen, denen wir eines Tages hilflos ausgeliefert sind. Schaffen wir eine demokratische Gesellschaft, auf einer gesetzlichen Grundlage, die einklagbar ist! Einen Sozialismus, der dieses Wort nicht zur Karikatur macht. Eine Gesellschaft, die dem Menschen angemessen ist und ihn nicht der Struktur unterordnet. Das wird für uns alle viel Arbeit geben, auch viel Kleinarbeit, schlimmer als stricken.

Und noch ein Wort. Der Erfolg hat bekanntlich viele Väter. Offenbar glauben viele, die Veränderungen in der DDR sind schon erfolgreich, denn es melden sich jetzt viele Väter dieses Erfolgs, merkwürdige Väter. Bis hoch in die Spitzen des Staates. Aber ich denke, unser Gedächtnis ist nicht so schlecht, daß wir nicht wissen, wer damit begann, die übermächtigen Strukturen aufzubrechen, wer den Schlaf der Vernunft beendete. Es war die Vernunft der Straße, die Demonstrationen des Volkes. Ohne diese Demonstrationen wäre die Regierung nicht verändert worden, könnte die Arbeit, die gerade beginnt, nicht erfolgen. Und da ist an erster Stelle Leipzig zu nennen.

Ich meine, der Oberbürgermeister unserer Stadt sollte im Namen der Bürger Berlins, da wir alle mal hier zusammenstehen, dem Staatsrat und der Volkskammer vorschlagen, die Stadt Leipzig zur Heldenstadt der DDR zu ernennen.

Wir haben uns an den langen Titel: Berlin, Hauptstadt der DDR, gewöhnt, ich denke, es wird leichter sein, uns an ein Straßenschild: Leipzig, Heldenstadt der DDR, zu gewöhnen.

Der Titel wird unseren Dank bekunden. Er wird uns helfen, die Reform unumkehrbar zu machen.

Er wird uns an unsere Versäumnisse und Fehler in der Vergangenheit erinnern, und er wird die Regierung an die Vernunft der Straße mahnen, die stets wach blieb und sich, wenn es notwendig ist, wieder zu Wort meldet. Ich danke Ihnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert