Egon Krenz in Reflexion und Demut
Egon Krenz in Reflexion und Demut
„Es wäre mal angebracht, daß sie die Regierenden der BRD bei den Menschen aus der DDR entschuldigen für deren Behandlung seit 1990!“
Für viele DDR-Bürger war die DDR „Unsere Heimat“, weil sie dem Volke gehörte.
10. Februar 2026
In den Mittelpunkt seines Vortrages in Marburg stellte Egon Krenz die Ereignisse in der DDR im Herbst 1989, die Zeit als Staats- und Parteichef, den politischen Umbruch, den Verlust von Amt, Heimat und gesellschaftlicher Stellung und die juristischen Auseinandersetzungen der Folgejahre. Krenz beschrieb diese Zäsur auch als Erfahrung vieler Ostdeutscher, deren Leben durch das Ende der DDR grundlegend verändert wurde.
Historische Lehre:
Im Vergleich und Unterschied zu Helmut Kohl, der Konsequenz für Frieden eintrat, haben heutige Politiker „den Verstand verloren“.
Die heutige Bundesrepublik kennt nicht die Härte des Kalten Krieges. „Vor allem aber kennen diese Politiker nicht die Russland, nicht die russische Seele, die russische Geschichte, nicht die Hochachtung der Russen vor deutschen Kultur.“
Wesentliche Aussagen und Inhalte:
- Zentrales Thema → Das Jahr 1989 und die Folgejahre: Krenz reflektiert die Endphase der DDR, die Ereignisse um die „Wende“, den Untergang der DDR und die deutsche Einheit aus seiner persönlichen und politischen Perspektive als letzter Staatsratsvorsitzender und SED-Generalsekretär der DDR.
- Verlust → Er beschreibt das Ende der DDR nicht nur als eigenes biografisches Schicksal, sondern als kollektiven Verlust für sehr viele Ostdeutsche: Verlust von sozialer Sicherheit, von Heimatgefühl, von gesellschaftlicher Perspektive, von Errungenschaften des „real existierenden Sozialismus“.
- Erwartung → Gleichzeitig thematisiert er Erwartungen, Hoffnungen und Enttäuschungen, die mit dem Ende der DDR und der Einheit verbunden waren – und was aus diesen Erwartungen (vor allem bei vielen Ostdeutschen) geworden ist.
- Kritik an der Einheits-Bilanz → Krenz stellt die gängige westdeutsche Erzählung der „erfolgreichen Wiedervereinigung“ infrage. Er spricht vermutlich von sozialen Verwerfungen, Abwertung ostdeutscher Lebensleistungen, wirtschaftlichem Kahlschlag, Demütigungen und anhaltender Ungleichheit zwischen Ost und West (auch 36 Jahre nach 1989/90).
- Zeitzeugen-Perspektive → Als letzter noch lebender Spitzenakteur der DDR-Führung aus der Entscheidungsebene 1989 bietet er eine sehr subjektive, aber für ostdeutsche Linke und Kommunisten wichtige Gegen-Erzählung zur offiziellen Geschichtsschreibung.
- Politische Botschaft → Der Vortrag richtet sich an ein linkes Publikum (vor allem DKP-nah) und will vermutlich zeigen, dass die DDR trotz Fehlern Errungenschaften hatte, die heute vermisst werden, und dass der Kapitalismus die „soziale Frage“ im Osten nicht gelöst hat.
Der Abend bestand aus Lesung/Passagen aus dem Buch + Gespräch/Diskussion mit dem Publikum. Es ist eine sehr persönlich gehaltene, linke ostalgisch-kritisch-reflektierende, aber vor allem systemkritische Rückschau auf 1989 ff. aus Sicht eines prominenten Ex-DDR-Politikers, der bis heute bei Teilen der Linken und ehemaliger DDR-Bürger als wichtiger Zeitzeuge gilt.
Mit dem dritten Band seiner Memoiren schließt Egon Krenz seine Autobiografie ab. Darin nimmt er den Herbst 1989 in den Blick, als er Staats- und Parteichef wurde, seine Vertreibung aus dem Amt und der Wohnung, den Verlust seines Landes, schließlich die juristischen Auseinandersetzungen einschließlich seiner Haft. Als die Republik vor 75 Jahren gegründet wurde, war er zwölf. Er hat sie nicht nur erlebt, sondern aktiv gestaltet. Als sie vor 35 Jahren unterging, verlor er mehr als nur seine Arbeit. Er reflektiert diese auch für andere Ostdeutsche sehr komplizierte Zeit. Und wie sie nimmt er die Gegenwart nicht teilnahmslos hin: Krenz ist der politische Mensch geblieben, der er immer war. Er ist ein einzigartiger Zeitzeuge deutscher Zweistaatlichkeit. Krenz überzeugt, weil er glaubwürdig ist. Seine Memoiren offenbaren die letzten Geheimnisse der DDR, die nur er noch kennt.
Uwe Steimle / Egon Krenz im Interview / Steimles Aktuelle Kamera / SONDER-SENDUNG (09.10.2022)
Der ehemalige Staatsratsvorsitzende und heutige DDR-Chronist Egon Krenz im Interview
Verlust und Erwartung (26.05.2025)