Der Gegenstand der Sozialpsychologie

Die Sozialpsychologie ist eine Teildisziplin der Psychologie. Sie beschäftigt sich mit der Wirkung von anderen Menschen auf die Psyche des Menschen und untersucht darüber hinaus, wie Gruppen bzw. Gemeinschaften funktionieren. (Alexander Bodansky , Jana Mangels ,Juliane Degner)

Eine Folgerung aus Burkhard Heims Weltbild

Sozialpsychologie gilt gewöhnlich als Lehre vom Einfluss. Sie fragt, wie Gruppen Einstellungen formen, wie Normen binden, wie Macht gehorcht wird, wie das Ich im Blick der anderen entsteht. Das ist nicht falsch, aber es ist zu wenig, sobald man Burkhard Heims Weltbild ernst nimmt. Einfluss ist dort nicht die Sache selbst, sondern die Folge einer älteren Struktur: der Soziabilität als archaischer Wurzel in einem Wesen, das durch Religiosität unfertig und darum steuerbar geworden ist. Der Gegenstand verschiebt sich.

Heim sieht den Menschen in fünf Archai: Individualität, Soziabilität, Weltlichkeit, Geschichtlichkeit und Religiosität. Soziabilität ist keine kulturelle Erfindung und keine späte Anpassung. Sie gehört zum Lebendigen überhaupt. Jeder Organismus existiert mit anderen, gegen andere, von anderen. Was den Menschen davon abhebt, ist nicht das Soziale, sondern die fünfte Wurzel. Bewusste Abstraktion löst die animale Bindung an den Daseinsgrund. Der Mensch kann wählen, falsch handeln, schuldig werden. Er bleibt offen. Genau diese Offenheit macht Soziabilität gefährlich und produktiv zugleich. Das Tier ist in seine Artgenossen eingefügt, ohne von ihnen eine Leitidee übernehmen zu müssen. Der Mensch kann sich einer Hierarchie überantworten, als wäre sie der Seinsgrund.

Sozialpsychologie, folgerichtig gedacht, beginnt daher nicht beim Gruppenexperiment, sondern bei der Komplementarität der Wurzeln. Individualität ohne Soziabilität verfällt in Narzissmus: die Verschiebung zugunsten des bloßen Ich. Soziabilität ohne gereifte Individualität verfällt in inzestuöse Symbiose: die frühe Bindung, die nicht gelöst wurde, sucht Ersatz in Gruppe, Partei, Betrieb, Kirche, Nation. Weltlichkeit und Geschichtlichkeit geben dem Sozialen seinen Ort und seine Zeit. Religiosität aber entscheidet, ob das Miteinander Rückbindung bleibt oder Fremdsteuerung wird. Eine Sozialpsychologie, die Religiosität – im Heimsinn der Rückbindung, nicht der Konfession – ausklammert, beschreibt Mechanismen und verfehlt den Grund, warum Mechanismen den Menschen überhaupt greifen.

Der Mensch ist über das Soma an die Materie gebunden; Psyche und Pneuma gehören als qualitative Konturen zum einheitlichen Lebensvollzug. Jede transdynamische Komplementärstruktur ist ein System antagonistischer Instanzen mit einem eigenen Lebenszentrum. Deshalb ist jeder Mensch ein Kosmos. Das Soziale ist dann nicht Verschmelzung dieser Kosmoi und nicht ihre statistische Summe. Es ist der Raum, in dem Homöostasen aufeinander treffen, einander stützen oder einander ersetzen. Wo der Ausgleich im Inneren misslingt, wird der andere zur Krücke. Wo er gelingt, bleibt der andere ein anderes Zentrum. Sozialpsychologie hat es mit diesem Unterschied zu tun: nicht mit Interaktion überhaupt, sondern mit der Frage, ob Begegnung Homöostase in Harmonie mit der Umgebung ermöglicht oder Homöostase durch Unterwerfung vortäuscht.

Heim ist hier hart. Die Unfertigkeit erscheint sozial als Fragmentierung. Mitmensch und Welt werden zur Ware, zum Nutzen, zur Funktion. Der Wert einer Gesellschaft zeige sich daran, wie sie mit den eigenen Menschen umgeht. Das ist kein moralischer Zusatz zur Sozialpsychologie, sondern ihr Kriterium. Eine Gesellschaft, die den Menschen nur noch ökonomisch, leistungsmäßig oder ideologisch nimmt, hat die Wesensbestimmung verloren. Sie wiederholt innen, was außen als Markt, Apparat oder Feindbild erscheint. Gegenstand der Sozialpsychologie ist darum auch die sozialisierte Unfertigkeit: jene Formen, in denen persönliche Deformation öffentlich wird, ohne sich noch als Deformation zu erkennen.

Den Übergang leistet die Fremdsteuerung. Lebensimpulse sind steuerbar; die Anfälligkeit liegt in der religiösen Wurzel. Ontogenetisch, vor allem in der Kindheit, kann Steuerung das Telekormanual asymmetrisch machen. Der Habentyp entsteht: konservative Triebsicherung, Haben statt Sein, Besitz und Status als Ersatzbindung. Sozial wird daraus die Gesellschaft der Habenden, die Sicherheit mit Anhäufung verwechselt und den anderen als Mittel oder Rivalen um denselben Vorrat sieht. Noch einschneidender ist die Fixierung der Leitidee. Anders als beim Tier ist die menschliche Leitidee frei wählbar. Fremdsteuerung kettet sie an eine Hierarchie. Das humane Gewissen, Rest der Bindung an den Seinsgrund und gemessen am Biophilen des Eros, wird durch ein autoritäres Gewissen ersetzt. Vorurteile werden unhinterfragbar. Wahrnehmung bestätigt nur noch sich selbst. Ein Ich-Ideal wächst aus der fremden Instanz.

Hier liegt Heims eigentlich sozialpsychologischer Satz. Nicht der einzelne Fanatiker ist das Unheil, sondern die Solidarisierung. Dieselben Strukturen, im Einzelnen schon pathogen, werden katastrophal, sobald sie sich wechselseitig stützen. Die Gruppe bestätigt die Leitidee, die Leitidee heiligt die Gruppe, das autoritäre Gewissen macht Abweichung zur Schuld gegen das Kollektiv statt zur Frage an das Humane. Politische Folgen nennt Heim ausdrücklich. Sozialpsychologie, die Gehorsam, Konformität und Massensuggestion als neutrale Effekte behandelt, bleibt an der Oberfläche. In diesem Weltbild sind sie Folgen einer vertauschten Rückbindung: die Hierarchie steht, wo der Daseinsgrund stehen sollte.

Die inzestuöse Symbiose macht denselben Vorgang genetisch verständlich. Wird die Mutterbindung nicht rechtzeitig gelöst und bleibt die psychische Vitalität schwach, bindet sich das Individuum an Gruppe oder Hierarchie und deren Leitidee. Das Soziale erscheint dann als Wärme, ist aber ungelöste Kindheit. Zugehörigkeit wird nicht frei gewählt, sondern als Entlastung von Unfertigkeit verbraucht. Narzissmus ist der Gegenpol: die Gruppe dient nur noch der Spiegelung des Ich. Nekrophilie, das Übergewicht gegen das Biophile, färbt Institutionen auf Verwaltung des Toten, auf Apparat, Krieg, Siechtum. Umweltzerstörung, Sucht, Selbstmord, Krieg sind für Heim nicht bloß politische oder medizinische Themen. Sie sind das erweiterte Verfallssyndrom, oft sozial verstärkt.

Was ist also der Gegenstand?

Nicht „das Soziale“ als eigener Stoff neben der Seele. Es gibt bei Heim keine Gesellschaftssubstanz, die den vier Konturen Physis, Bios, Psyche, Pneuma hinzuzufügen wäre. Gesellschaft ist das Feld der Steuerung zwischen unfertigen Wesen. Gegenstand der Sozialpsychologie ist dieses Feld, genauer: die Art, wie Soziabilität die anderen Archai trägt oder verzerrt. Sie fragt, wie individuelle Transdynamiken – Telekormanual, Ikorstrukturen, Lebenszentren – einander berühren; wie humane Gewissen sich wechselseitig wachhalten oder durch ein gemeinsames autoritäres Gewissen ablösen; wie Leitideen frei bleiben oder fixiert werden; wie der andere Kosmos anerkannt oder zur Ware gemacht wird.

Daraus folgen drei Abgrenzungen. Gegen den Soziologismus: das Kollektiv erklärt nicht den Menschen, weil jeder ein eigener Kosmos bleibt und kein allgemeines Rezept existiert. Gegen den Individualismus: das Ich erklärt nicht das Verhängnis, weil Pathologie erst in der Solidarisierung ihre Reichweite gewinnt. Gegen die bloße Einstellungsforschung: Meinung, Vorurteil, Attraktion, Gehorsam sind Oberflächen der tieferen Frage, ob Steuerung Eigensteuerung am biophilen Gewissen ist oder Fremdsteuerung durch Hierarchie.

Sozialpsychologie in dieser Konsequenz ist daher weder Sozialtechnik noch Moralstatistik. Sie ist die Lehre von der gefährdeten Mit-Existenz offener Wesen: davon, dass der Mensch den anderen braucht, weil Soziabilität archaisch ist – und ihn verraten kann, weil Religiosität ihn steuerbar gemacht hat. Ihr Maßstab ist nicht Anpassung und nicht Dissidenz, sondern ob im Miteinander Homöostase und Rückbindung möglich bleiben, ohne dass einer den Seinsgrund des anderen usurpieren muss. Wo das misslingt, entsteht nicht nur schlechte Gesellschaft. Es entsteht jene kollektive Unfertigkeit, in der der Mensch sich selbst stört – und zwar nicht mehr allein.