Der Gegenstand der Psychologie

Basis: Burkhard Heim: GRUNDBEDINGUNGEN VON GESUNDHEIT UND LEBENSENTFALTUNG DES MENSCHEN

Eine Folgerung aus Burkhard Heims Weltbild

Was Psychologie sei, entscheidet sich nicht an der Klinik und nicht am Experiment, sondern daran, was man unter dem Menschen versteht.

  • Wer den Menschen als Organismus mit Verhalten nimmt, bekommt Verhaltenswissenschaft.
  • Wer ihn als Gehirn nimmt, bekommt Neuropsychologie.
  • Wer ihn als inneres Erleben nimmt, bekommt Bewusstseinslehre.

Burkhard Heims Auffassung von 1987 lässt keine dieser Verkürzungen stehen. Aus seinem Weltbild folgt ein anderer Gegenstand.

Die Welt, so Heim, ist keineswegs nur Physis. Physis ist ein Teilausschnitt aus einer Ganzheit, neben der Bios, Psyche und Pneuma eigene Bereiche bilden. Der Vollzug menschlichen Lebens konturiert sich vierfach. Weitere Bereiche mögen der menschlichen Auslotung entzogen bleiben; für das Menschliche genügen diese vier. Entscheidend ist die These der Komplementarität: Nicht nur hat jedes Element der Physis Komponenten in verborgenen Dimensionen; zur raumzeitlichen Dynamik des Soma tritt eine Transdynamik entelechialer Entitäten. Im Lebendigen erscheint sie als geschlossenes System komplementärer Strukturen. In der Horizontalen jeder Seinsschicht sieht der Betrachter unfassbare Komplikation; in der Vertikalen, über Transzendierungen der Kompetenzbereiche Physis → Bios → Psyche → Pneuma, wird ein einheitliches Bild des elementaren Lebensprozesses möglich.

Damit ist bereits entschieden, was Psychologie nicht sein kann. Sie kann nicht Wissenschaft der Physis sein, auch nicht der neuralen Korrelate, sofern diese als hinreichend gelten. Psyche und Pneuma beherrschen den Bereich qualitativer Ereignisse; die Physis den quantifizierbarer. Eine Psychologie, die nur misst, was sich quantifizieren lässt, hat ihren Gegenstand gewechselt, ohne es zu merken. Sie redet vom Gehirn und meint die Seele. Umgekehrt kann Psychologie auch nicht Lehre einer vom Leib abgelösten Substanz sein. Der Mensch bleibt über das Soma an die Materie gebunden. Psyche ist Kontur eines einheitlichen Lebensvollzugs, nicht Gast im Körper.

Der eigentliche Einsatzpunkt liegt tiefer. Empirisch erscheint der Mensch in fünf archaischen Wurzeln:

Individualität, Soziabilität, Weltlichkeit, Geschichtlichkeit und Religiosität.

Die ersten vier teilt er mit jedem Organismus. Die fünfte unterscheidet ihn. Religiosität heißt hier nicht Konfession, sondern die durch bewusste Abstraktion eröffnete Tendenz zur Rückbindung an den Daseinsgrund. Das Tier muss handeln, wie es handelt. Der Mensch kann anders, kann wissentlich falsch handeln und schuldig werden. Genau deshalb ist er unfertig: geistig-emotional, in der Integrität, in der Sinnhaftigkeit, in der Wesensbestimmung, in der Schuldverwaltung und in der Freiheit. Unfertigkeit macht ihn zum offenen Wesen. Er kann sich durch Fremdsteuerung von außen oder durch motivierte Eigensteuerung verändern.

Hier beginnt der Gegenstand der Psychologie im strengen Sinn. Nicht das Fertige, Angepasste, Funktionierende ist ihr Thema, sondern die Offenheit selbst: jene Zone, in der die fünfte Wurzel die animale Bindung an den Seinsgrund lockert, ohne sie ganz aufzuheben. Der nicht aufhebbare Rest ist das eingeborene humane Gewissen. Sein Wertmaßstab sind die biophilen Strukturen des Eros. Alle Lebensimpulse sind steuerbar. Fremdsteuerung pathologisiert vor allem Psyche und Pneuma und schlägt dann auf Bios und Physis durch. Die Anfälligkeit geht auf die Unfertigkeit zurück, namentlich auf die Religiosität.

Psychologie, folgerichtig gedacht, ist also nicht Beschreibung von Zuständen, sondern Lehre von Steuerung und Homöostase im qualitativen Innenraum. Jede transdynamische Komplementärstruktur erweist sich als System antagonistischer Instanzen, deren Homöostase ein Lebenszentrum mit Toleranzbereich setzt. Eine Normierung ist unmöglich: jede Humanstruktur ist wegen dieses individuellen Zentrums ein eigener Kosmos. An den Schnitten des Telekormanuals mit der Ikorstruktur erscheinen Ungleichgewichte als Gestalten – Heim sagt: an den Fenstern des psychischen Innenraums. Das ist der Ort, an dem Psychologie etwas zu sehen bekommt. Nicht das Verhalten zuerst, nicht das Bekenntnis, sondern die Asymmetrie der antagonistischer Instanzen, die Verschiebung der Leitidee, die Ablösung des humanen Gewissens durch ein autoritäres.

Die fünf Deformationen, die Heim nennt, sind daher keine klinische Liste neben der Psychologie, sondern deren Kernphänomenologie. Die Asymmetrie des Telekormanuals erzeugt den Habentyp, die konservative Triebsicherung des Habenden. Die Fixierung der Leitidee kettet die frei wählbare Lebensidee an eine Hierarchie; Vorurteile werden unkorrigierbar, Wahrnehmung bestätigt nur noch sich selbst, ein Ich-Ideal wächst aus dem autoritären Gewissen. Nekrophilie, Narzissmus und inzestuöse Symbiose sind weitere Verschiebungen derselben Struktur: gegen das Biophile, zugunsten der bloßen Individualität, in die ungelöste frühe Bindung an Gruppe oder Hierarchie. Solidarisiert werden daraus politische Katastrophen. Ursächlich liegen sie in der Kindheit, in ungeeigneter Fremdsteuerung.

Was folgt daraus für den Gegenstand?

Erstens: Gegenstand der Psychologie ist der Mensch als Einheit, nicht als Bündel von Funktionen. Fragmentierung – der andere nur als Ware, nur als Funktion, nur als ökonomischer Nutzen – ist selbst schon Symptom der Unfertigkeit, nicht Methode. Eine Psychologie, die den Menschen nur nach Leistung, Anpassung oder Verhalten fragt, wiederholt die Deformation, die sie untersuchen müsste.

Zweitens: Gegenstand ist nicht Psyche allein, sondern das Verhältnis der Schichten. Pathogene Einflüsse können in jeder Seinsschicht ansetzen. Psychisches Siechtum, Sucht, Selbstzerstörung, auch der Zugriff auf Bios und Physis, sind Folgen einer Störung, deren Ursprung oft im Pneuma liegt: im Verlust der Rückbindung, im Ersatz des humanen Gewissens durch fremde Leitideen. Eine Psychologie ohne Pneuma – ohne Schuld, Sinn, Freiheit, Religiosität im Heimsinn – schneidet die fünfte Wurzel ab und behält ein Tier mit Großhirn.

Drittens: Gegenstand ist die Zweideutigkeit der geistigen Evolution. Dieselbe Offenheit, die außerordentliche Höhen erlaubt, kann die Evolution des Lebens abbrechen. Psychologie hat es also nicht mit einem Neutralbereich innerer Vorgänge zu tun, sondern mit den Bedingungen positiver Onto- und Phylogenese. Gesundheit und Lebensentfaltung sind kein medizinischer Zusatz, sondern das Kriterium, an dem sich entscheidet, ob Steuerung Eigensteuerung am biophilen Gewissen ist oder Fremdsteuerung durch Hierarchie.

Viertens: Es gibt kein allgemeines Rezept, weil jeder Mensch genetisches Muster und komplementäre Transdynamik individuell einbringt. Psychologie, die Normen setzt, als gäbe es den Standardmenschen, verfehlt den Toleranzbereich des Lebenszentrums. Wesentlich ist das Anstreben der Homöostasen in Harmonie mit der Umgebung – nicht Anpassung an fremde Leitideen, sondern Ausgleich antagonistischer Instanzen im eigenen Kosmos, bezogen auf andere Weltstrukturen.

So lässt sich der Satz verdichten. Der Gegenstand der Psychologie ist, in Konsequenz dieses Weltbildes, die transdynamische Innenkontur des offenen Menschen: jenes qualitative Geschehen von Psyche und Pneuma, in dem Unfertigkeit als Steuerbarkeit erscheint, Gewissen als Restbindung an den Seinsgrund, Freiheit als mehr als Belieben, Schuld als nicht delegierbare Wirklichkeit – und Pathologie als Fremdsteuerung der religiösen Wurzel. Psychologie, die das ernst nimmt, ist weder Naturwissenschaft der Physis noch Moralpredigt. Sie ist die Lehre von der gefährdeten Rückbindung eines Wesens, das abstrahieren kann und darum erst Mensch ist.

„Zweck der Menschheit ist kein anderer als die Ausbildung der Kräfte des Menschen, Fortschreitung.“ (Friedrich Schiller)

 

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